Claus Christian Malzahn ist Leiter des Politik-Ressorts bei Spiegel-Online. Manchmal scheint Spiegel Online zu wenig Leserfeedback zu bekommen. Deshalb hat man Herrn Malzahn wohl damit beauftragt, einen solch unsäglichen Kommentar zu verfassen, dass der Leserbrief-Umsatz wieder etwas angekurbelt wird. Ich konnte gar nicht anders, als den Online-Spieglern diesen Wunsch zu erfüllen.
Hallo Herr Malzahn,
also, mit Ihrem Kommentar bezüglich der Katrina-Heimsuchung von New Orleans schießen Sie ja wohl echt den Vogel ab. So viel geballten Unsinn habe ich ja schon lange nicht mehr gelesen.
Sie haben sicher Recht, wenn Sie Schröder und Trittin Gleichgültigkeit gegenüber dieser Naturkatastrophe und dem damit verbundenen Leid der in den betroffenen Gebieten lebenden Menschen vorwerfen. Schröders eher knappes und in diplomatischen Floskeln verfasstes Kondolenzschreiben zeugt nicht von ehrlichem Mitgefühl. Aus Trittins Kommentaren lässt sich sogar Genugtuung des Grünen Ministers lesen: Dem Bush, so denkt Trittin scheinbar, geschieht diese Katrina gerade Recht. So weit, so schlecht.
Jetzt aber Ihre Kommentare. Mit denen machen Sie ja selbst den Trittin - nur unter umgekehrten Vorzeichen. Sie werfen unserer Regierung erst unterlassene Hilfeleistung vor und dann wischen Sie, gerade mal durch Punkt und Komma getrennt, die gesamte Umweltpolitik von knapp sieben Jahren Rot-Grün vom Tisch. Weniger Autofahren, pah, wie rückschrittlich! Windmühlen, pah! Dosenpfand, pah, lächerlich! Können Sie mir mal verraten, was das alles mit New Orleans zu tun hat?
Erstmal bin ich ganz froh, dass in den letzten Jahren anstatt Atommeilern ein paar mehr Windräder gebaut worden sind. Es ist doch ein Unterschied, ob so eine Mühle irgendwo aufs Feld oder ins Watt plumpst oder ein Kraftwerk in die Luft fliegt bzw. ein fröhlich strahlender Güterzug durch die Republik rollt, um kontaminierte Abfälle in eine stillgelegte Grube zu transportieren - in der naiv anmutenden Hoffnung, dass sie dort sicher aufgehoben sind.
Zweitens zeugt auch die vor sieben Jahren beschlossene Einführung der Ökosteuer von einer gewissen Weitsicht, schließlich fahren die Deutschen (wenn auch nicht alle) mittlerweile wesentlich sparsamere Autos als die Amis, die, wie heute bei Spiegel Online zu lesen war, diesbezüglich auf einem Niveau von vor 20 Jahren stehen geblieben sind, "als hätte es keinen technischen Fortschritt gegeben".
Wissen Sie, ich spinne mir da gerade etwas zusammen: Sie fahren als Politik-Ressortleiter bei Spiegel Online einen Dienstwagen mit ordentlich Power unter der Haube (vielleicht M-Klasse oder X5 oder so?), ärgern sich tierisch über die Spritpreise und wollen mit Trittin persönlich abrechnen.
Hm?
Naja, vielleicht auch nicht.
Aber das ist mal das eine - über Umweltpolitik, ihren Sinn und ihre Wirkung kann man durchaus streiten.
Wenn Sie nun aber schreiben, Trittin würde Bush nur eins reinwürgen wollen, weil dieser (Bush) das Kyoto-Protokoll noch nicht ratifizieren lassen hat (das zumindest meinen Sie, "unterschrieben", wie Sie schreiben, wurde es schon unter Clinton), verlassen Sie endgültig den in Ihrem Kommentar ohnehin schon schmalen Pfad sachlicher Argumentation und betreiben nur noch - um bei Ihrer Wortwahl zu bleiben - reines Trittin-Bashing.
Um Sie mal ein bisschen runter zu holen: Niemand hat in den letzten Tagen behauptet, mit der Reduzierung des CO2-Ausstoßes wäre ein Sturm wie Katrina nie aufgezogen. Die Überlegungen betreffen die Zukunft: Sollte Katrina nicht Anlass sein, nochmal über Kyoto nachzudenken? Was ist daran hämisch?
Auch wenn Sie das nicht wahr haben wollen - CO2-Ausstoß und Klimawandel haben doch irgendwie miteinander zu tun, ebenso Klimawandel und extreme Wettererscheinungen. Die Zusammenhänge kann Ihnen jeder Meteorologe schon erklären, bevor er sein Vordiplom schreibt.
Endgültig peinlich ist natürlich Ihr Gedanke, die Bundeswehr nach Louisiana zu schicken. Die Amis (haben die nicht die größte Berufsarmee der Welt?) werden sich bedanken. Um Ihre zynische Bemerkung aufzugreifen: Richtig, die USA sind nicht die dritte Welt, aber die ausbleibenden Hilfsangebote haben bestimmt nichts mit Wahlkampf zu tun. Die USA haben im Gegensatz zu vielen asiatischen und afrikanischen Ländern eine ausgebaute Infrastruktur und sind hervorragend mit allem erdenklichen Gerät ausgestattet, daher wären Hilfseinsätze wie etwa in den Tsunami-Gebieten gar nicht nötig.
Kopfschüttelnd las ich dann auch noch Ihre Versuche, Naturkatastrophen in einer Rangfolge menschlicher Leiden und Tragödien auf jeden Fall weit hinter AIDS, Hunger und Malaria einzustufen. Allein eine solche Reihenfolge zu ersinnen, ist hämisch. Erzählen Sie mal: Ist das Sterben an AIDS qualvoller als das Ertrinken in den von Katrina aufgewirbelten Fluten?
Alsdann - und dann möchte ich zum Ende kommen - greifen Sie für meinen Geschmack zu tief in die Kiste, in der all die Geschichten von den bösen Deutschen archiviert werden. Ja, der Zweite Weltkrieg war eine schlimme Sache, und wenn meine Großeltern, die ihn im Gegensatz zu Leuten mit Jahrgang '63 selbst erlebt haben, davon erzählen, wird mir immer ganz anders. Aber das ist kein Grund, ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit hervorzukramen und uns als neverending Wiedergutmachungsstory zu servieren. Ihr Schlusssatz ist nicht weniger geschmacklos, wie Trittins Schuldzuweisung, die Einwohner von New Orleans seien selbst an ihrem Schicksal Schuld, weil sie schließlich selbst jeden Tag Ihre unzähligen Klimaanlagen anschalten und in SUVs und Hummers durch die Gegend kurven.
Vor kurzem jährte sich der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki zum 60. mal. Ich weiß nicht, ob es Kondolenzschreiben der amerikanischen Regierung gab, schließlich leiden noch heute einige tausend Japaner (selbst in der dritten und vierten Generation) unter den Folgen von Fat Man und Little Boy.
Schicken die Amis Truppen nach Japan, wenn dort mal wieder heftig die Erde wackelt? Schicken sie mehr als floskelhafte Kondolenzschreiben? Sind die Amis am Ende auch geschichtsvergessen?
Viele Grüße
Ich
Kommentare